35.
Die drei Faulen
Ein König hatte drei Söhne, die ware ihm alle gleich lieb, und er
wusste nicht, welchen er zum König nach seinem Tode bestimmen sollte.
Als die Zeit kam, dass er sterben wollte, rief er sie vor sein Bett und
sprach: „Liebe Kinder, ich habe etwas bei mir bedacht, das will ich euch
eröffnen: Welcher von euch der Faulste ist, der soll nach mir König
werden.“ Da sprach der älteste: „Vater, so gehört das Reich mir, denn
ich bin so faul, wenn ich liegen und schlafen will, und es fällt mir ein
Tropfen in die Augen, so mag ich sie nicht zutun, damit ich
einschlafe.“ Der zweite sprach: „Vater, das Reich gehört mir, denn ich
bin so faul, wenn ich beim Feuer sitze, mich zu wärmen, so ließ ich mir
eher die Fersen verbrennen, eh ich die Beine zurückzöge.“ Der dritte
sparch: „Vater, das Reich ist mein, denn ich bin so faul, sollt' ich
aufgehenkt werden und hätte den Strick schon um den Hals, und einer gäbe
mir ein scharfes Messer in die Hand, damit ich den Strick zerschneiden
dürfte, so ließ ich mich eher aufhenken, eh ich meine Hand erhübe zum
Strick.“ Wie der Vater das hörte, sprah er: „Du hast es am weitesten
gebracht und sollst der König sein.“
翻译:
Three Fouls
An king had three sons, who were loved all the same by him, and he
did not knew, whom er should determine to be king after his death. As
the time came that he would die, he called them before his bed and
spoke: "Dear children, I have thought of something by myself, which I
will declare now: which from you is the laziest, he should be king after
me," Then spoke the eldest: „Father, then the empire belongs to me, for
I am so lazy, that if I would lie and sleep, and it comes to me an drop
in the eyes, I would like rather not to do it, so that I could fall
sleep.“ The second spoke: "Father, the empire belongs to me, for I am so
lazy, that if I sit by fire, to warm myself, I would rather let my
heels burn more, than pull back my legs." The third spoke: "Father, the
empire is mine, for I am so lazy, that should I was hanged and had the
rope already around my neck, and one gave me a sharp knife in my hand,
so that I could cut up the rope, I would rather let myself more hanged,
than bring my hand up the rope." As the father heard that, spoke he:
„You have brought it the farthest and should be the king.“
36.
Die Antwort des Berges
Ein Mann und eine Frau wurden zu einer Hochzeit in die Stadt
eingeladen. Da der Weg sehr weit und ein ganzer Tag für die
Hochzeitsfeier nötig war, konnte nur einer von ihnen hingehen.
„Du kannst gut zu Hause bleiben“, sagte die Frau. „Du kommst auch
ohne diese Hochzeit oft in die Stadt, während ich das ganze Jahr zu
Hause sitze.“
„Nein, das geht nicht!“, sagte der Mann. „Erstens kann ich die Kuh
nicht melken, und zweitens muss ich in der Stadt mit meinem Vater etwas
Wichtiges besprechen.“
So redeten sie hin und her, und keiner wollte zu Hause bleiben.
Endlich hatte die Frau einen guten Gedanken: auf der anderen Seite
des Tales war eine sprechende Bergwand. Wenn man dieser Bergwand etwas
zurief, so gab sie Antwort.
„Wollen wir vielleicht den Berg fragen, wer von uns zur Hochzeit gehen soll?“ schlug die Frau vor.
„Das ist kein schlechter Gedanke“, sprach der mann.
Sie gingen zu der Bergwand hin. Der Mann sollte als erster fragen.
Er rief: „Soll ich zur Hochzeit gehen oder zu Hause bleiben?“
„Zu Hause bleiben!“ antwortete der Berg.
Nun war die Reihe an der Frau. Sie rief: „Soll ich zu Hause bleiben oder zur Hochzeit gehen?“
„Zu Hochzeit gehen“, antwortete der Berg.
„Sieht du!“ sagte die Frau. „Der Berg denkt so wie ich.“
Damit war die Frage entschieden. Die Frau fuhr zur Hochzeit und
verbrachte einen lustigen Tag. Der Mann aber musste zu Hause bleiben.
翻译:
The Answer of the Mountains
A husband and a wife were invited to a wedding. As the way was very
far and required a whole day to the wedding-ceremony, only one of them
could go there.
"You could well stay at home," said the wife. "You come often to the
city without this wedding, while I sit at home the whole year."
"No, that works not!", said the husband."First I can do not milk the
cow, and second I must discuss with my father in the city something
important."
So talked them back and forth, and none would stay at home.
At last the wife had a good thought: at the other side of the valley
a speaking mountain-wall is. If man calls something to that
mountain-wall, thus it gives answer.
"Shall we perhaps ask the mountain, who from us should go to the wedding?" proposed the wife.
"That is not a bad thought," spoke the husband.
"They went to the mountain-wall." The husband should as first ask. He called: "Should I to wedding go or at home stay?"
"At home stay!" answered the mountain.
Now is the turn of the wife. She called:"Should I to wedding go or at home stay?"
"To wedding go!" answered the mountain.
"You see!" said the wife. "The mountain think as I do."
With this the question was determined. The wife go to the wedding
and spent a fun day. The husband however must stay at home.
37.
Der Turmaffe zu München
Mit den alten Häusern schwidet so manches steinerne oder gemalte Wahrzeichen, daran sich eine uralte Geschichte oder eine sagenhafte Überlieferung knüpfte. So befand sich im alten Hofgebäude zu München vormals ein Turm, auf dessen Spitze sah man einen aus Stein gehauenen Affen. Das gedenken freilich die jetzigen Münchner nicht mehr: kaum die ältesten Leute erinnern sich daran. Wie aber der Affe von Stein auf den Turm gekommen, davon erzählte man folgende Geschichte.
Vor alters war der Brauch, dass sich die großen Herren nicht nur Hofnarren, sondern auch Leibaffen zu ihrer Kurzwei und Belustigung hielten. Da hatte denn auch ein Herzog von Bayern einen solchen Affen bei Hofe. Der Affe musste einer von den guten und leutseligen gewesen sein, denn er durfte nach Belieben im ganzen Schlosse herumwandern und war überall, wo er sich aufhielt, wohl gelitten. Nun eines Tages geschah es, dass der Affe sich zufällig ganz allein in dem Zimmer befand, in welchem ein Söhnlein des Herzogs in der Wiege lag. Dem Affen, welcher schon mehrmals die Wärterin beobachtet hatte, wie sie das Kind in die Arme nahm, wiegte und schaukelte, kam eine Lust an, die Rolle der Wärterin zu spielen. Also hob er den Prinzen aus der Wiege, schloss ihn fest in seine Arme und fing an, voller Freude mit dem Kindlein hin und her zu rennen.
In diesem Augenblick sieht ihn die Wärterin und stößt einen Schrei des Entsetzens aus, wie sie das teure Wesen in den Armen des rauhen Tieres erblickt. Darüber erschrickt der Affe, rennt mit dem Kind davon, die Wärterin hinter ihm her, durch die Gänge des Schlosses, Treppe auf und nieder, bis endlich der verfolgte Affe am Dach anlangt, zu einem Loch hinausschlüpft und sich auf die Spitze des Erkerturms setzt. Da war nun guter Rat teuer: dier herzogliche Familie im Hof in Todesangst, niemand getraute sich, den Affen weiter zu verfolgen, weil das Leben das Prinzen dabei in Gefahr schwebte.
So ließ man ihn dennn ruhig eine Zeit lang den Prinzen im Arm auf dem Turm sitzen. Wie das Tier sah, dass es wieder ruhig geworden und seine Verfolger verschwunden seien, machte er sich mit dem Prinzen im Arm wieder vom Dach herab und brachte das Kind unversehrt in die Wiege zurück.
So groß nun die Freude der herzoglichen Familie darüber war, so durfte sich doch der Affe nicht mehr in den fürstlichen Zimmern sehen lassen, und wurde zum Angedenken das Bild desselben in Stein gehauen auf die Zinne des Turmes gesetzt.
翻译:
The Tower-monkey at Munich
With the old houses disappears so many stony or painted landmarks, with which tied an true-old story or a legendary tradition. In old royal court at Munich stood a Tower before, upon whose peak man sees a stone-carved monkey. This the present Munich people certainly no longer remember: hardly the eldest people remind themselves. But how the monkey of stone come above the tower, about that man told the following story.
From old times it is the custom, that the big lords held themselves not only jesters, but also live-monkeys for their amusement and enjoyment. Then a duke of Bavaria had such a monkey at court. The monkey must be one of the good and easy-going, for he was allowed to wander around the whole castle at pleasure and was tolerated anywhere, where he stayed. Now one day, it happened, that the monkey randomly located all alone in the room, in which the little-son of the duke lay in the cradle. To the monkey, who already repeatedly had watched the attendantin, as she took the child in the arms, swayed and swung, the desire came, to play the role of the attendantin. So it lifted the prince out of the cradle, shut him firmly in his arms and commence, to run back and forth with the little-child full of pleasure.
At this moment the attendantin saw him and emitted a cry of horror, as she noticed the dear creature in the arms of the tough animal. At this the monkey got frightened, ran with the child, from the attendantin behind him, through the hallways of the castle, stairs up and down, till at last the pursued monkey arrived the roof, slipped out of a hole and sat himself on the peak of the oriel tower. Then now good advice is expensive: the ducal family in court in death-agony, nobody dare, to pursue the monkey farther, because the life the prince hovered in danger.
So man left him a long quiet time above the tower to keep the prince in arm. As the animal saw, that it became quite again and his pursuers disappeared, he made it with the prince in arm again down the roof and brought the child unharmed back in the cradle.
Now the happiness of the ducal family about this is large, and the monkey could no more in the princely rooms let see, and was for remembrance the image of it carved in stone placed on the merlon of the tower.
38.
Der kluge Reichter
Ein reicher Mann verlor eines Tages eine Tasche mit viel Geld. Er machte seinen Verlust bekannt. Dem ehrlichen Finder wollte er hundert Taler Belohnung geben.
Bald darauf kam auch ein ehrlicher mann und sagte: „Ich habe dein Geld gefunden. Hier, nimm es zurück!"
Der Reiche war sehr froh, dass er sein Geld wieder hatte. Aber er wollte dem ehrlichen Finder die Belohnung nicht geben.
Langsam zählte er das Geld und überlegte. „Lieber Freund", sprach er dann, „ich danke dir. Aber sieh -- in dieser Tasche waren achthundert Taler, und jetzt liegen nur noch siebenhundert darin. Du hast also schon selbst deine Belohnung herausgenommen."
Der ehrliche Finder beteuerte seine Unschuld. Schließlich gingen sie beide zum Richter. Dieser war ein kluger Mann und sah sofort, wer von beiden ehrlich und wer unehrlich war.
„Ich will euch beiden glauben", sprach der kluge Richter. „Du, reicher Mann, hast eine Tasche mit achthundert Talern verloren, und du, ehrlicher Finder, hast eine Tasche mit siebenhundert Talern gefunden. Also kann es nicht dieselbe Tasche sein. Darum kannst du, ehrlicher Finder, die Tasche behalten. Denn eines Tages wird einer kommen, der diese siebenhundert Taler verloren hat. Du aber, reicher Mann, geh nach Hause und warte auch! Denn eines Tages wird einer kommen, der deine achthundert Taler gefunden hat."
So sprach der Richter und dabei blieb es.
翻译:
The clever Judge
One rich man lost one day a bag with much money. He made his lost known. To honest finder he would give a hundred talers reward.
Soon came an honest man and said, "I have found your money. Here, take it back!"
The rich was very glad, that he had his money again. But he would not to the honest finder the reward give.
Slowly counted he the money and thought over. "Belove friend", said he then, "I thank you. But see --- in this bag were eight hundred talers, and now lie only seven hundred in it. So you have already yourself taken your reward out of it."
The honest finder asserted his unguilt. At the end they two went to the judge. This was a clever man and saw immediately, who from the two was honest and who was dishonest.
"I will believe both of you", spoke the clever judge. "You, rich man, have lost a bag with eight hundred talers, and you, hones finder, have found a bag with seven hundread talers. Then it can not be the same bag. So you can, honest finder, hold the bag. Till one day will come one, who has lost this seven hundred talers. But you, rich man, go home and also wait! Till one day will come one, who has found your eight talers.
Such spoke the judge and the story stops here.
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